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Digitale Demenz – ein Buch als Wegweiser zur Entschleunigung, von Hirnforscher Manfred Spitzer

Foto: Katharina WyssWie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen. Das Buch “Digitale Demenz“ vom Hirnforscher Manfred Spitzer ist für mich ein wichtiger Erkenntnisbaustein, welchen weitreichenden und komplexen Gefahren wir in der heutigen technikabhängigen Zeit ausgesetzt sind. Lösungen zeigt er viele auf, schön sortiert im jeweiligen Fazit nach Kapitelende. Im Klappentext des Buches und auch in Rezensionen liegt der Fokus auf dem Medienkonsumverhalten von Kindern und Jugendlichen mit all seinen Nebenwirkungen. Dabei ist das Buch viel mehr: es ist aufklärend, allgemeinbildend und tiefgründig.

Manfred Spitzer belegt anhand von verschiedenen Studien, dass der digitale Wahnsinn, ob im frühsten Kleinkindalter oder in der Schule, Lernprozesse im Gehirn und das soziale Miteinander nicht fördert. Interessant ist die Idee, auch wenn diese durch die weltweite Konsummaschinerie nicht umsetzbar ist, wenn wir mit 18 Jahren einen Computerführerschein machen würden – vergleichbar mit dem Auto oder und dem Zigarettengenuss. Müßte nicht auf jedem Computer mit Internetzugang stehen – Achtung: “Kann süchtig machen und ihrer Gesundheit schaden“? Wie die Gesundheit vielschichtig mit dem Thema verwoben ist, dazu vermittelt Spitzer viele Erkenntnisse.

Das Wort Bildschirmarbeit ist bereits veraltet, weil Computer – ob Smartphone oder iPad – inzwischen in alle Lebensbereiche eingezogen sind und damit nicht mehr viel mit einer klassischen Arbeitsmaschine zu tun haben. Menschen verlernen sich in die Augen zu schauen, sie schauen dafür auf ihr Display. Das Kapitel über Baby TV zeigt besonders erschreckend, wie Erwachsene (Produktentwickler/Programmierer/Werbeagenturen/große Firmen) sich als Täter an Kindern digital vergehen, um neue Märkte zu erschließen. Ob es sogenannte Lernprogramme für die Kleinsten sind oder zigfache Werbung von ungesunden Kindersnacks, die als Spot immer wieder als Werbeblock im Kinderfernsehen laufen, während der Sendungen selbstverständlich. Hier werden die kleinen Konsumenten von morgen herangezogen, für Konsumgüter der Global Player, die belegbar nicht zur Grundlage einer gesundenen Ernährung dienen.

Ein weiteres Beispiel, was Manfred Spitzer im Zusammenhang mit Navigationsgeräten und dem Verlust von Orientierungsvermögen nennt: Kinder in Indien, die Sanskrit lernen und in Sanskrit tägliche Rituale abhalten, z.B. Gebete in alle acht Himmelsrichtungen, haben ein außergewöhnlich gutes Orientierungsvermögen im Raum der sie umgibt. Getestet wurde es in einer Studie im Vergleich mit europäischen Kinder, die in in keinster Weise mithalten können. Wir sind bereits froh, wenn unsere Kinder die vier Himmelsrichtungen (sehend) nennen können! Eine natürliche Orientierung ist den meisten inzwischen abhanden gekommen, weil sie nicht mehr trainiert wird.

“Digitale Medien nehmen uns geistige Arbeit ab. Was wir früher einfach mit dem Kopf gemacht haben, wird heute von Computern, Smartphones, Organizern und Navis erledigt. Das birgt immense Gefahren, so der renommierte Gehirnforscher Manfred Spitzer. Die von ihm diskutierten Forschungsergebnisse sind alarmierend: Digitale Medien machen süchtig. Sie schaden langfristig dem Körper und vor allem dem Geist. Wenn wir unsere Hirnarbeit auslagern, lässt das Gedächtnis nach. Nervenzellen sterben ab, und nachwachsende Zellen überleben nicht, weil sie nicht gebraucht werden. Bei Kindern und Jugendlichen wird durch Bildschirmmedien die Lernfähigkeit drastisch vermindert. Die Folgen sind Lese- und Aufmerksamkeitsstörungen, Ängste und Abstumpfung, Schlafstörungen und Depressionen, Übergewicht, Gewaltbereitschaft und sozialer Abstieg. Spitzer zeigt die besorgniserregende Entwicklung und plädiert vor allem bei Kindern für Konsumbeschränkung, um der digitalen Demenz entgegenzuwirken.“ (Klappentext droemer-knaur)

Verlagsangabe: Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer, geboren 1958, studierte Medizin, Psychologie und Philosophie und habilitierte sich anschließend für das Fach Psychiatrie. Er leitet die Psychiatrische Universitätsklinik in Ulm und das Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen. Zahlreiche Buchveröffentlichungen, darunter die Bestseller „Lernen“ und „Vorsicht Bildschirm!“. Auf Bayern Alpha moderiert er wöchentlich die Sendereihe „Geist & Gehirn“. Manfred Spitzer ist einer der bedeutendsten deutschen Gehirnforscher. Kaum jemand kann wissenschaftliche Erkenntnisse derart unterhaltsam und anschaulich präsentieren.

Digitale Demenz – ein Buch als Wegweiser zur Entschleunigung, von Hirnforscher Manfred Spitzer
Hardcover, Droemer HC, 368 S., ISBN: 978-3-426-27603-7, 19,99 Euro

Text: Katharina Wyss

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