Resilienz
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Hochsensibilität – ein Geschenk an die Menschheit

© Katharina Wyss

„We cannot be more sensitive to pleasure without being more sensitive to pain.“ Alan Watts

Hochsensibilität begegnet mir in letzter Zeit immer häufiger in Artikeln oder in Diskussionen. Wie betrachte ich (Hoch-)Sensibilität aus der Perspektive der Resilienz? Der Weg zu mehr Resilienz führt alle Menschen an den Kern ihrer Sensibilität. Der Umgang mit Sensibilität – mit dem, was wir spüren – ist aus meiner Sicht eine ganz zentrale Frage für die persönliche, aber auch die gesellschaftliche Entwicklung und Resilienz.

Warum Sensibilität für jeden wichtig ist

Das, was wir spüren, macht uns aus. Wir können unseren Körper und die mit ihm verbundenen Emotionen nicht verbannen, ohne Lebenskraft zu verbrauchen, weil wir viel Energie dafür aufbringen müssen, um unsere Emotionen nicht wahrzunehmen. Wir alle haben diese Strategien. Nicht selten fühlen wir uns hilflos oder handlungsunfähig, sind überfordert. Dann kann es passieren, dass unser Autopilot schon längst den Lebensflug übernommen hat. Viele Menschen fliegen so durch ihr Leben.

Es ist oft ein großer Schritt, sich das erste Mal im Leben die sensiblen Seiten anzuschauen und häufig ist dieser Schritt mit Angst verbunden. Meine Erfahrung in der Arbeit mit Menschen ist, dass es sehr viel leichter ist, diesen Prozess mit Begleitung zu gehen. Sich Hilfe zu holen, ist aus Resilienzperspektive eine große Stärke.

Bei der Entdeckungsreise zu sich selbst und seinen Prägungen gibt es hilfreiche Werkzeuge, um Schleifen zu durchbrechen, mehr Leichtigkeit zu erleben und neue Handlungsspielräume zu entdecken.

Wenn wir die Stärkung unserer Resilienz fördern, eröffnen sich Handlungsspielräume und Perspektiven für neue Lösungswege. Wir können Baustellen schließen und uns vertraut machen mit unseren Bedürfnissen, Emotionen und Ängsten und bekommen mehr Bewusstheit darüber, wo wir gerade stehen und was wir brauchen.

Wir werden flexibler im Umgang mit den Dingen, die wir nicht ändern können und widerstandsfähiger, um uns nicht von den Dingen abhalten zu lassen, die für unsere eigene Balance und unseren Energiehaushalt wichtig sind. Wir sind dann besser und mit mehr Leichtigkeit in der Lage, das zu verändern, was in unserem Handlungsspielraum liegt. Wir können lernen, auch in stressigen Situationen widerstandsfähig zu sein und dem Autopiloten das Steuer nicht zu überlassen.

Wie leben wir?

Die Welt, in der die meisten von uns leben, ist schnell, laut und grell. Die Geschwindigkeit mit der wir konfrontiert werden, hat sich seit der Generation unserer Großeltern extrem beschleunigt. Wir können nicht nur schneller Reisen, sondern auch viel schneller Kommunizieren, nämlich jederzeit, unabhängig vom Tag- und Nachtrhythmus.

Eine Vielzahl von Möglichkeiten steht uns offen und das erleichtern nicht immer unsere Entscheidungen. Auch die Strukturen innerhalb der Familien haben sich durch diesen Wandel verändert. Wir lernen schon sehr früh in der Schule, im Studium und in der Ausbildungszeit, dass wir für gute Leistungen wertgeschätzt werden und nicht für das, wie wir sind.

Was wir spüren und wahrnehmen und der Austausch darüber, ist in den letzten Jahrhunderten – durch die Industrialisierung, die Durch-Taktung unseres Lebens, durch Leid, Katastrophen und die damit verbundenen vielfältigen Traumatisierungen – deutlich zu kurz gekommen und das hat Spuren hinterlassen. Wir wachen meistens erst nach dem ersten richtigen Crash auf, wenn der Körper streikt, die langjährige Beziehung zerbricht, wir uns im Burnout oder in einer Depression befinden, um nur einige der möglichen Szenarien zu nennen.

Wir haben in der Regel nicht gelernt, mit dem ganzen Chaos in uns umzugehen. Häufig spüren wir uns nicht mehr und funktionieren nur noch, hetzen unseren Terminen hinterher und fühlen uns erschöpft – und dann zeigt uns unser Körper, dass es zu viel ist. Der Tag fühlt sich nicht passend an. Es gibt nicht genug Pausen, um durchzuatmen und den Tag zu reflektieren.

Jeder Mensch ist einzigartig – kein Mensch ist gleich

Jeder Mensch, egal ob hochsensibel oder nicht, wird konfrontiert mit dieser Welt und findet einen Weg damit umzugehen – wie gut uns das gelingt ist abhängig davon, in welcher Umgebung wir uns befinden, welche Ressourcen wir zur Verfügung haben und davon, ob wir Unterstützung bekommen und welche. Und: Wir alle haben ein eigenes Filtersystem für die Reize aus unserer Umwelt entwickelt.

Es gibt kein Patentrezept aus diesem Hamsterrad auszusteigen, aber es gibt Werkzeuge und Hilfsmittel, die Unterstützung bieten bei dem Prozess, sich selbst besser kennen zu lernen und gut für sich selbst zu sorgen. Ein kleiner Ausschnitt: Pausen, ausreichend Regenerationsphasen, gesundes Essen, körperlicher Ausgleich, Meditation, Achtsamkeit, Symbolarbeit, Rituale, Glaubenssatzarbeit, Arbeit mit den eigenen Emotionen und Baustellen, Lösungsorientierung, um Unterstützung bitten.

Was bedeutet es, sensibler als andere zu sein?

Hochsensible Menschen sind anders gefordert als weniger sensible, aber für jeden ist es hilfreich, sich selbst gut zu kennen – die eigenen Bedürfnisse, die eigenen Grenzen, das individuell vertretbare Maß an Anforderung und Ruhe etc.

Untersuchungen haben ergeben, dass ca. 20% der Menschen sensibler als die anderen 80% sind (Vgl. Susan Marletta-Hart „Leben mit Hochsensibilität“ und Ulrike Hensel „Hochsensible Menschen im Coaching“). Dieses Phänomen wird auch bei Tieren und Pflanzen beobachtet. Diese 20% reagieren unmittelbar und sensibler auf Reize. Dabei gibt es unterschiedliche Ebenen, die diese Sensibilität ausmachen können – jeder Hochsensible hat andere Ausprägungen.

Allen gemeinsam ist, dass sie mehr Informationen wahrnehmen und verarbeiten müssen, die auf ihr System einprasseln, was viele an die Grenzen ihrer physischen oder psychischen Kapazität bringt.

Manche Hochsensible sind besonders höflich und taktvoll, nehmen wenig Raum ein. Andere sind besonders verantwortungsvoll oder diplomatisch. Sie haben ein besonderes Feingefühl für sich selbst und für andere, für die Gruppe, zu Themen, um nur einige Facetten zu nennen. Allen gemeinsam ist eine große Verletzlichkeit, wobei diese Verletzlichkeit über ihre eigene Person hinausgeht. Einige haben meiner Erfahrung nach auch eine Tendenz zu (Autoimmun-)Erkrankungen. Krankheiten entpuppen sich häufig als ein letztes Hilfsmittel des Systems, um für Ruhe oder (ich sage inzwischen) Integrationszeit zu sorgen.

Und: auch die meisten nicht hochsensiblen Menschen werden krank in dieser Welt, halt ein bisschen später. Das hat auch viel mit der abtrainierten Sensibilität zu tun, die ich schon angesprochen habe. In einer Welt, in der die Stilleren und Sensibleren keinen Platz haben und Alles nach dem Motto „höher, schneller, weiter“ funktioniert, führt die ständige Überlastung des Systems dazu, dass der Körper krank wird. Die Krankheit ist oft ein Ventil, der einzige (unbewusste) Ausweg, um Ruhe zu bekommen.

Es geht darum, die eigene Bedienungsanleitung für sich selbst zu schreiben

Es hilft also nicht weiter, zu sagen „ich bin (hoch-)sensibel“. Es geht darum, die eigene Bedienungsanleitung für sich zu schreiben – sich auf eine Forschungsreise zu sich selbst zu begeben, sich selbst gut kennen zu lernen.

Das macht uns und unser Umfeld deutlich gesünder – hin zu einer Welt, in der wir unsere Stärken und Schwächen zeigen, in der die Höhen und Tiefen Platz haben, das Laute und das Leise sowie das Wilde und das Zarte sein darf und wir unsere Gegensätze (er-)leben.

In meinem Leben bin ich in oft hilflos, wenn doch wieder das „Alte“ zur Tür hereinkommt. Gedanken wie „Bin ich mal wieder „gescheitert“ oder „Wieder ein Beweis, dass es doch nicht klappt?“ kommen auf. Aber ich habe gelernt, bei diesen Fragen und Gedankenschleifen nicht lange zu verweilen. Diese Fragen sind ungemütlich und ziehen Energie. Mein Resilienz-Werkzeug an dieser Stelle ist, mich an dem Positiven auszurichten: Immerhin habe ich gemerkt, dass das Alte zur Tür reingekommen ist. Das ermöglicht mir, den ungebetenen Gast wieder hinaus zu bitten. Ja, das ist Training. Das ist wie ein Instrument spielen lernen und schwierige Passagen zu meistern. Je vertrauter wir mit ihnen werden, desto leichter wird es.

Der erste Schritt ist, sich in seinen Mustern, Verhaltensweisen und Gedanken zu beobachten. Ein neugieriger und analytischer Forschergeist ist an dieser Stelle hilfreich. Ein weiterer wichtiger Schritt ist es auch, sich seiner Körperreaktionen bewusster zu werden, um stressfördernde Muster zu überwinden. Auch in diesem Prozess, den Körper besser kennen zu lernen, gibt es hilfreiche Werkzeuge.

Das Geschenk an die Menschheit

Resilienz ist eine Entdeckungsreise zu sich selbst. Jeder Mensch hat in diesem Sinne unendlich viel Potential, sich in seiner Resilienz kennen und entfalten zu lernen.

Feinfühlige Menschen, die gut in ihrer Balance sind, sind oft sehr gut im Umgang mit anderen Menschen – sie können gut in Führung gehen, wenn sie den Platz bekommen, den sie brauchen, um ihre Gabe zu teilen.

Feinfühlige Menschen haben eine hohe Sensibilität und ein gutes Bauchgefühl. Sie hören nicht nur auf ihren Verstand, sondern beziehen in ihr Handeln auch Informationen von Emotion, Körper und Seele mit ein.

Wir können das Potential der Hochsensiblen nutzen und lernen, wieder Sensibilität zu leben. Das führt zu mehr Wohlbefinden und Gesundheit. Wie Allan Watts sagt, wir können nur dann mehr Freude empfinden, wenn wir uns auch für den Schmerz öffnen.

Persönliche Erfahrungen

Ich selbst finde nach mehr als 30 Jahren nun endlich einen Weg mit meiner Sensibilität umzugehen ohne krank zu werden. Ich habe lange „gekämpft“ mit der Stigmatisierung krank zu sein, ohne dass Gefühl gehabt zu haben es wirklich zu sein und bin weiter meinem Gefühl und Herzen gefolgt. Diese Erfahrungen und meine Erkenntnisse möchte ich nun mit meiner Resilienz-Arbeit der Welt schenken.

Ich habe nach Jahren persönlicher Resilienz- und Forschungsreise immer wieder große Durchbrüche, weil es mir möglich ist, Zusammenhänge und Muster zu erkennen und aufzudecken kann. Und dann neue Wege gehen kann, immer wieder.

Ich kann jedem nur Mut machen, die eigene Sensibilität kennen zu lernen, sich mit den eigenen Gefühlen und Verhaltensweisen und auch Schutzmechanismen vertraut zu machen. Ob alleine oder mit anderen zusammen, diese Entdeckungsreise lohnt sich und lässt das Gefühl wachsen, selbst wirksam sein zu können.

Das Resilienz-Kleeblatt zur Steigerung der Resilienz

In meinen Coachings und Workshops nutze ich das von mir entwickelte Resilienz-Kleeblatt mit den vier Bereichen(Selbst-)Führung, Vision & Werte, Erfolg & Scheitern, Ausdruck & Begegnung. Diese vier Bereiche sind meiner Erfahrung nach tragend für die Resilienzsteigerung. Wir beleuchten je nach Ausgangspunkt die vier Bereiche des Resilienz-Kleeblattes.

Weitere Aspekte sind dabei: Umgang mit Grenzen, Tagesablauf und Rituale, Gestaltung von Pausen, Zusammenhang von Körperhaltung & Emotionen, Beleuchtung und Neustrukturierung von Glaubenssätzen, Achtsamkeit und Bewusstsein, sich selbst versorgen, Klärung von Baustellen, Verankerung in der eigenen Ruhe und Kraft, Veränderung von Verhaltensgewohnheiten.

Alles Liebe und Kraft bei der Entdeckungsreise zu deiner Resilienz!

Zum Profil von Autorin & Resilienzcoach Bele Irle.

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