Rituale
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Phoenixzeit – die Reise vom Jungen zum Mann

© Alexander Labrentz

Zweimal als Mutter bereits miterlebt und zwei Phoenixzeiten liegen noch vor mir – was für ein Glück. Dass Mats (14) und vor drei Jahren Pepe (18) sich für diese „Reise“ entschieden haben, war ein prägendes Erlebnis für die ganze Familie. Für meinen Mann, für ihre jüngeren Brüder und auch für unsere Freunde, denn ihre Paten wählten meine Söhne aus dem Freundeskreis aus. Sie sind nicht nur für den rituellen Übergang Paten, sondern auch für die Zeit danach, vielleicht auf Lebenszeit. Denn was sie gemeinsam erlebten, dass bleibt bei ihnen und ist ihr Geheimnis.

Zunächst wollte Pepe seinen Übertritt, eine Art Jugendweihe vom Kind zum jungen Erwachsenen, nicht feiern. Mats wollte in Anzug und Schlips in den Friedrichpalast gehen. Soweit so gut, aber es kam für meine beiden Söhne ganz anders. Wir Eltern empfanden es als eine sehr wichtige Zäsur, einen Moment des Innehaltens zu ermöglichen und da erfuhren wir von der Phoenixzeit.

Was ist die Phoenixzeit?

„Das Phoenixteam, aus drei bis fünf Männern bestehend, hat mit den Jungen eine erlebnispädagogische Reise zu den Themen unternommen, die in der Pubertät von besonderer Bedeutung sind: Das (sich verändernde) Verhältnis zur eigenen Familie, Austesten von Grenzräumen, Entdeckung des eigenen Körpers und der aufkeimenden Sexualität, Freundschaft zu anderen Jungen, Begründung eines neuen Selbstverhältnisses, Erleben der eigenen Stärken und Besonderheiten.

Die Jungen können Teil einer männlichen Gemeinschaft sein, ohne Konkurrenz- und Leistungsdruck ausgesetzt zu sein (wie in der Schule oder im Sportverein). Die gesamte Phoenixzeit ist ein geschütztes Gefäß, in dem Jungen erfahren, was in ihrem Alltag öfter fehlt: Ohne Leistungsansprüche als gleichwertiges Mitglied einer Gemeinschaft respektiert werden, in ihrer Individualität von anderen Jungen und Männern gesehen und gewürdigt werden, offen über Erlebnisse und Gefühle sprechen können, in der Natur zur Ruhe kommen, die eigene Biografie und Stellung im Familiensystem reflektieren, sich ausprobieren, den eigenen Platz finden.

Im Kern geht es um die Entdeckung der eigenen Männlichkeit. Eine der vielen, wichtigen Fragen, die die Jungen umtreibt, lautet: Wie werde ich ein richtiger Mann?

Es ist kein Zufall, dass diese Frage mit einer zweiten, bedeutsamen Frage eng verknüpft ist: Wie kann ich mich auf eine gute Art von meiner Mutter lösen? Im Bewusstsein der Jungen spielt vor allem die Frage nach dem Mannsein eine Rolle. Die Aufgabe der Loslösung aus der behütenden (und zunehmend einengenden) Sphäre der Mutter liegt tiefer, und wird selten artikuliert.“ Auszug des Artikels von Stefan Strehler in Tattva Viveka, S. 30ff., Ausgabe 60, August 2014

Die Schwelle in eine neue Zeit

Es begann mit Pepe, meinem ältesten Sohn. Pepe ist Leistungssportler. Er fand, er sei zu alt für die Phoenixzeit, außerdem hätte er sowieso gar keine Zeit dafür. Ich bat ihn, wenigstens mit zum Infoabend zu kommen. Das tat er und war aufgeschlossen, aber noch lange nicht entschieden. Dort erfuhren wir, was die Phoenixzeit ist und wie sie aufgebaut ist und was für Inhalte vermittelt werden.

© Alexander Labrentz

Es gibt drei Wochenende zu drei verschiedenen Themen: Meine Familie und Ich, Risiko und Grenzerfahrung und Liebe, Sex und Körper. Bei der Vorstellung des „Liebe, Sex und Körper- Wochenendes“ gibt es für die Jungen die Möglichkeit, miteinander zu kämpfen – aber richtig! Das war mir fremd und ich dachte, für Pepe sei es auch eine unangenehme Vorstellung. Davon war er allerdings am meisten begeistert. Auch einen möglichen Paten hatte er auch sofort im Kopf.

Nach längerem Überlegen und Gesprächen mit den „Phoenixmännern“ entschied er sich, auch in Absprache mit seinem Trainer, teilzunehmen. Mit unserer vollen Unterstützung nahm sich Pepe die Zeit, seinen Übertritt vom Jungen zum jungen Mann bewusst erleben zu wollen. Ich war froh und erleichtert.

Von April bis September fuhr er nun mit 10 anderen Jungs an 3 Wochenenden an verschiedene Orte in Brandenburg. Sie campierten meist an Seen und im Wald. Jeder hatte einen Schlafsack dabei, geschlafen wurde unter einem Tarp und gekocht auf dem Feuer.

Die 5-Tagesreise verwandelt

Die 5-tägige Phoenixzeit, der Höhepunkt seiner Reise, begann an einem Mittwoch, an einem Ort in Brandburg mit dem Übergaberitual für Eltern und Jungen. Eltern und Jungen nehmen Abschied voneinander. Die Jungen entscheiden selbst, wann sie über die „Schwelle“ gehen, um ihren Übergang für die nächsten 5 Tage zu erleben, mit 24 h Solozeit im Wald ohne Essen, ohne Handy, ohne Bücher, mit dem Übergangsritual und anschließender Schwitzhütte. Pepe verabschiedete sich von mir und war aus meinem Blickfeld. Ich fuhr allein nach Hause. Ich freute mich für ihn und hatte volles Vertrauen in Pepe, seinen Paten und das Phoenixteam.

Am Freitagabend, das wusste ich, reiste sein Pate an. Er war einer von 10 anderen Paten, die aus allen Ecken Deutschlands, aus Frankreich und aus Großbritannien kamen. Wie ich später von unserem Paten erfuhr, war es eine sehr bewegende, berührende Zeit – nicht nur für ihn, als Pepes Pate, sondern dass er auch die anderen Jungen erleben dürfte. Dabei kam der Spaß nicht zu kurz.

Nach den Phoenixtagen saß er im Kreis seiner Familie wieder am Küchentisch und weinte. Er weinte und dankte uns, dass wir es ihm mit ermöglicht haben, so etwas unglaublich Schönes erleben zu können. Nun wurde mir selbst auch am Ende der Phoenixzeit bewusst, dass es nicht nur für Pepe ein Übertritt gewesen ist, sondern auch für mich als Mutter und für unsere ganze Familie. Da war neben der Freude und dem Glück auch Schmerz. Abschied und Neubeginn.

© Alexander Labrentz

Sein kleinerer Bruder, Mats, entschied sich ziemlich schnell daraufhin, auch die Phoenixzeit erleben zu wollen. Das wurde dann auch für mich nochmal eine besondere Zeit, denn diese Zeit erlebte ich auch intensiv mit Mats‘ Vater, meinem Mann. Als Mats beispielsweise seine 24 Stunden Solozeit im Wald hatte, ging der Rest unserer Familie baden und anschließend Essen. Wir verlebten seine Solozeit gemeinsam in Gedanken an ihn, denn es begann am Abend zu regnen. Er war nun allein im Wald mit Hängematte und Schlafsack.

Das Leuchten in den Augen meiner großen Jungs am Übergabetag, dem Sonntag, werde ich immer in Erinnerung behalten, wie sie mir und unserer ganzen Familie stolz, stark, schön und selbstbewusst entgegenschritten und einen nach dem anderen umarmten und sich bedankten. Ich kann mir aufgrund von vielen Fotos und von Berichten zusammenreimen, was Pepe und Mats erlebten, doch so ganz genau werde ich es natürlich nie wissen und das ist soll auch so sein.

Mittlerweile haben viele Bekannte und Freunde mit ihre Jungen die Phoenixzeit erleben dürfen. Dieses Jahr ging die Phoenixzeit gerade zu Ende und mich erreichten diese Worte von meiner Freundin Julia: „Liebe Katrin, ich bin so glücklich und stolz, dass Elias die Phoenixzeit erleben durfte. Danke Euch für diese wunderbare Inspiration. Es ist so großartig und bewegend, welche Entwicklung die Jungen dadurch erfahren.“

Ich sage auch Danke an meine mutigen, offenen und starken Söhne, an meinen Mann, an die Phoenixmänner, an die Paten und an all die Frauen und Mütter die hinter oder neben den Männern stehen.

© Alexander Labrentz

Die Phoenixzeit war auch für mich als Mutter eine tiefe emotionale und beglückende Erfahrung und ich freue mich jeden Tag, dass meine Söhne diesen elementaren Prozess/ihren Übertritt ganz bewußt und frei gewählt haben, gegangen sind und ich sie darin begleiten durfte. Denn gerade eine freie und bewusste Ablösung von der Mutter kann für spätere Partnerschaften nur Beziehungsfördernd sein.

„Phoenixzeit im Überblick

Was ist es? Eine Begleitung für den Übergang vom Kindsein ins junge Erwachsenenalter, für 13 bis 15-jährige Jungen und ihre Familien.

Wer macht es? Männliche Pädagogen, die sonst als Sozialpädagoge, Erzieher, Streetworker, Ergotherapeut, Heilerzieher, Lehrer oder Handwerker arbeiten. Träger ist der Potsdamer Verein Manne e.V. Potsdam.

Wann findet es statt? Jährlich zwischen April und Oktober mit insgesamt siebenTreffen, teilweise mit Begleitung durch die Eltern und Mentorenmänner. Mehrere mehrtägige Treffen, insgesamt etwa 12 Tage.

Wo findet sie statt? Die Phoenixzeit wird in Potsdam, Berlin und Brandenburg angeboten, für Jungen und ihre Familien im Umkreis von etwa 100 Kilometern. Einzelne Weitanreisende kommen auch aus Sachsen, Sachsen-Anhalt, Niedersachsen, Baden-Württemberg, Bayern und Mecklenburg-Vorpommern. Seit 2014 wird die Phoenixzeit auch in Nordrhein-Westfalen angeboten.

© Alexander Labrentz

Was kostet es? 750 Euro

Wo kommt es her? Die Arbeitsansätze stammen aus der Erlebnis- und Wildnispädagogik, sowie aus der systemischen Beratung, außerdem: Integration von geschlechtsbewussten, heil- und gestaltpädagogischen Modellen. Zentrale Arbeitsprinzipien sind: Ressourcenorientierung, Freiwilligkeit, Arbeiten in und mit der Natur, Transparenz und Team-Intervision. Im Sommer 2003 wurde die erste Phoenixzeit von Vätern und Freunden für ihre Söhne entwickelt, durchgeführt und seitdem ständig weiterentwickelt. Seit 2007 ist die Phoenixzeit ein ausgereiftes und erfolgreiches pädagogisches Angebot.

Welche Sicherung gibt es bezüglich des Kinderschutzes? Die Jungen und ihre Familien entscheiden sich freiwillig zur Teilnahme an der Phoenixzeit. Alle Teilnehmenden werden vorher ausführlich über die Abläufe in Wort und Bild informiert. Die Anleitung erfolgt immer in einem Team, das in der Regel aus vier Männern besteht (zwei für die Phoenixzeit ausgebildete Pädagogen, zwei pädagogisch erfahrene Assistenten). Bei den Phoenixtagen, dem mehrtägigen Höhepunkt der Phoenixzeit, sind die von den Jungen aus ihrem sozialen Umfeld ausgewählten Mentorenmänner bei den Aktionen mit dabei.“
Auszug des Artikels von Stefan Strehler in Tattva Viveka, S. 30ff., Ausgabe 60, August 2014

www.phoenixzeit.de

Die Autorin Katrin Rahnefeld ist systemischer Coach, sie berät zum Thema Beruf & Berufung und ist Expertin für kreatives Schreiben, für ein authentisches, gesundes Leben sowie vierfache Mutter.

Für Mädchen auf dem Weg zur jungen Frau gibt es die Drachinzeit.

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